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Interview with Dieter Seifert by Costa Rican press - August 2009

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Dr.-Ing. Dieter Seifert

Vorschlag für einen Beitrag in den Costa Nachrichten:

Eine deutsch-spanische Entwicklung Der Parabol-Solarkocher alSol 1.4

Warum meinen Sie, dass die Zeit für den Solarkocher gekommen ist?

DS: Immer mehr Menschen erkennen, dass sie ganz persönlich vom globalen Klimawandel betroffen und zum Handeln aufgefordert sind. Mit dem Solarkocher kann man effektiv Treibhausgas-Emissionen einsparen und Ressourcen schonen. Mit einem leistungsfähigen, hochwertigen Solarkocher macht es auch wirklich Spaß, solare Mahlzeiten zuzubereiten, Brot und Kuchen zu backen und Früchte einzukochen, denn man kann nicht nur solar Kochen, sondern auch Braten und Backen und es gibt weitere Möglichkeiten und ich bin sicher, dass manche noch gar nicht erkannt sind. Der Parabolspiegel konzentriert die Sonneneinstrahlung und schafft ein Temperaturniveau, auf dem nicht nur gekocht werden kann. Hinzu kommt, dass sich die Investition durch den eingesparten Brennstoff auszahlt.

Zunächst aber die Frage: Was hat Sie dazu veranlasst, Solarkocher zu entwickeln?

DS: Ich war 14 Jahre meines Berufslebens in der Entwicklung von Solarzellen-Material tätig und hatte also intensiv mit der Nutzung der Sonnenenergie zu tun. Vor 25 Jahren habe ich begonnen, Solarkocher zu entwickeln und weltweit zu verbreiten, mit dem Ziel, die bekannten Probleme zu überwinden, denn ich hatte erfahren, wie dringend die Nutzung der Sonnenenergie insbesondere in Entwicklungsländern mit schwindendem Waldbestand ist. Und ich hatte als Ingenieur den Eindruck, dass der Solarkocher ein hohes Entwicklungspotential hat.

Aber meine Begeisterung für diese Aufgabe hat wohl ihre Wurzeln in meiner Kindheit. Als ich 8 Jahre alt war, wurde ich für 9 Monate von einer spanischen Familie aufgenommen, als eines von 1000 Kindern einer Kinderverschickung der Caritas. Unsere Familie wohnte damals in Augsburg zwei Jahre lang in einem Raum mit 9 Quadratmetern. Man kann sich die Wohnungsnot nach dem Krieg kaum noch vorstellen. Unser Pfarrer fragte mich damals, im Jahr 1950, ob ich zu einer Familie nach Spanien fahren möchte, und ich hatte gleich zugestimmt. Ich erlebte damals, dass es Solidarität gibt über Landesgrenzen hinweg und über tausende von Kilometern, ich lernte, dass es Regionen mit sehr viel Sonne gibt und dass die Sonne so viel Kraft hat – im Spanischen heißt es ja „der“ und nicht „die“ Sonne. Eine Caritas-Schwester in Pamplona hatte mir gesagt: „Du hast Glück, du kommst nach Murcia, da scheint immer die Sonne“. Ich erlebte dort eine wunderbare Zeit, in einer Welt, die der von Marcel Pagnol in seinen Kindheitserinnerungen beschriebenen sehr ähnlich war.

Nach 60 Jahren bin ich noch immer ein Mitglied dieser liebenswürdigen Familie, der ich so viel Glück verdanke und in der Sonne Murcias habe ich mit meiner Frau und unseren Kindern in den Urlaubswochen Solargeräte erprobt. In meiner Kindheit habe ich im Krieg und in der Nachkriegszeit harte Zeiten durchlebt und ich sehe mich jetzt, in guten Verhältnissen lebend und mit optimalen Möglichkeiten versehen, in einer Verpflichtung, an der Entwicklung und Verbreitung von nachhaltigen Technologien mitzuwirken.

Sie werden im Internet als „Vater des Parabol-Solarkochers“ bezeichnet. Woher kommt das?

Der Erfinder des Parabol-Solarkochers bin ich natürlich nicht. Parabolspiegel wurden wohl schon in der Antike eingesetzt, wohl vor allem, um sakrale Feuer zu entzünden. Vor ungefähr dreihundert Jahren versah der Hofmechanikus Andreas Gärtner (1684-1724), der „sächsischer Archimedes“ genannt wurde, eine hölzerne Paraboloidform mit Blattgold und kochte damit. Vielleicht hat aber Ehrenfried von Tschirnhaus (1651-1707), ebenfalls in Dresden lebend, schon vor ihm solar gekocht. Er hat seinen Paraboloid-Spiegel mit poliertem Kupferblech erzeugt.

Den Versuch, präzise Paraboloide zu erzeugen, habe ich aufgegeben, nachdem ich ein aufblasbares Kinderschwimmbecken oben mit einer aluminiumbeschichteten Folie beklebt und durch Unterdruck im Schwimmbecken einen großen Hohlspiegel verformt hatte. Damit konnte man in Sekundenschnelle Holz zum Brennen bringen und die damit verbundene Gefahr zeigte mir, dass wir beim Solarkocher keinen Brennpunkt, sondern einen Brennbereich brauchen. Die Paraboloidform ist deshalb bei den von mir entwickelten Solarkocher nur angenähert verwirklicht, aber das hat außerdem viele Vorteile bei der Herstellung.

Die Temperaturen, die im Kochtopf erzeugt werden, sollen so hoch sein, dass man alle üblichen Kochaufgaben lösen kann, aber nicht höher. Darauf muss man achten. Ein Merkmal der von mir entwickelten Kocher ist auch das Gestell aus Bandmaterial, das sich leicht mit Löchern versehen, formen und zusammenschrauben lässt. Beim alSol 1.4 konnte ich die Erfahrungen der 25 Jahre Entwicklungszeit einbringen. Ich habe versucht, ganz im Sinne der Konzepte für das Öko-Produktdesign zu handeln.

Die Solarkocher-Entwicklung war wie die Erziehung eines weiteren Kindes in unserer Familie und alle haben sich für die Entwicklung begeistert. Meine Frau wurde eine der erfahrensten Solarköchinnen. Sie hat das Backen im großen schwarzen Solarkochtopf und den Warmhaltekorb entwickelt und das Solarkochbuch verfasst, das jedem alSol-Paket beiliegt. Mein Sohn hat im Rahmen seines Zivildienstes ein Jahr lang in Indien in Solarkocherwerkstätten gearbeitet und bei der Gründung weiterer Werkstätten mitgewirkt und meine Töchter haben Studienarbeiten über die Solarkocherverbreitung geschrieben.

Wir haben die Solarkocherentwicklung nie im Stich gelassen, auch nicht in der Zeit, in der sein Potential noch ganz verkannt wurde.


Der Solarkocher ist für Sie mehr als ein Gerät zum Kochen?

DS: Der Parabolspiegel war immer auch ein Zeichen der Hoffnung und der weltweiten solidarischen Zusammenarbeit. Wir hatten im Lauf der Jahre Besucher aus aller Welt. Die Schrift vieler Eintragungen in unserem Gästebuch können wir nicht verstehen. Es war immer eine tiefe Übereinstimmung zu spüren: Dass wir mit dem Solarkocher ein Geschenk des Himmels, die Sonnenenergie, in unser tägliches Leben holen und ein Zeichen der Hoffnung setzen.

Bedrückend ist jedoch, dass viel mehr Menschen beteiligt sein könnten und die Chancen des solaren Kochens noch kaum erkannt werden – wenn wir beachten, dass größte Anstrengungen unternehmen müssen, um die unvorstellbaren Folgen einer Klimakatastrophe abzuwenden. Wir stehen nach 25 Jahren hoffentlich an der Schwelle zu der so wünschenswerten Verbreitung, weil alles vorbereitet ist und wir uns bewusst werden, wie dringend wir unsere Gewohnheiten wandeln müssen, hin zu nachhaltigen Lebensformen, die keine endlichen Ressourcen verbrauchen und möglichst keine Emissionen verursachen.

Ich meine, dass der Solarkocher auch Teil des Schulunterrichts werden sollte. Er lässt sich in fast allen Fächern im Sinne des Erlebnisunterrichts einsetzen und im Werkunterricht könnten Solarkocher gebaut werden. Schüler und Studenten könnten damit deutlich erkennen, dass jeder von uns Möglichkeiten hat, seinen ökologischen Fußabdruck zu minimieren und dass es Lösungen für die Herausforderungen gibt.


Der Solarkocher wäre doch in Entwicklungsländern mit Brennholzmangel besonders nützlich?

DS: Indische Freunde von uns, Dr. Shirin und Deepak Gadhia haben bei der Solarkocherentwicklung und –verbreitung teilgenommen, seit unseren Anfängen vor 25 Jahren. Sie haben sich der Aufgabe gewidmet, in Indien nachhaltige Technologien zu verbreiten, in enger Zusammenarbeit mit europäischen Partnern. Für diese vorbildliche Arbeit wurde das Ehepaar Gadhia weltweit ausgezeichnet.

In einer Podiumsdiskussion in Düsseldorf habe ich darauf hingewiesen, dass Afrika täglich durch die Sonnenenergie ein riesiges Geschenk empfängt, aber es nicht auspackt. Afrika könnte ein Paradies sein und nicht der Armuts-und Konflikte-Kontinent als der er in den Medien erscheint. Der Klimawandel wird den Kontinent besonders hart treffen. Wir sollten die Drohung von Kriegen durch die weltweite Ausbreitung der Wüsten ernst nehmen. In Entwicklungsländern können Solarkocher unermesslich viel Gutes bewirken. Bedenken Sie, dass in Afghanistan und in anderen Ländern die Suche nach Brennholz tödlich enden kann. In den Entwicklungsländern fehlen pro Jahr eine Milliarde Kubikmeter Brennholz. Die Folgen sind furchtbar.

Seit 15 Jahren „predige“ ich, dass wir den Klimaschutz mit der Armutsbekämpfung und der Verbreitung hochwertiger Technik in Entwicklungsländern verbinden können. Ich bin an einem Projekt in Indonesien beteiligt, bei dem wir weltweit erstmals zeigen, wie man durch die Einsparung von Treibhausgas-Emissionen Parabol-Solarkocher auch den ärmsten Familien zugänglich machen kann. Das Projekt wird im Rahmen des Kyoto-Mechanismus für nachhaltige Entwicklung (CDM) durchgeführt und von Alcan Singen finanziert, die auch die hochwertigen Hochglanz-Aluminiumbleche für die Parabolspiegel geliefert hat. Familien in der Provinz Aceh haben die Solarkocher bekommen und sparen Emissionen, indem die Abholzung vermindert wird. Die Emissionseinsparungen werden dem finanzierenden Unternehmen auf seine Verpflichtungen zur Emissionsminderung gutgeschrieben.

Vor anderthalb Jahren war ich von Alcan Ningxia eingeladen, in China in drei Dörfern in den grau-gelben Bergen am Rand der Inneren Mongolei Solarkocher-Baukurse mit chinesischen Familien durchzuführen und ich war beeindruckt von der Gastfreundschaft, dem Fleiß und der Dankbarkeit der Menschen. Inzwischen sind zwei große chinesische Solarkocher-Projekte in Vorbereitung, die das CDM-Verfahren nutzen, und vielleicht konnte ich zu diesem Durchbruch beigetragen.

Bei den Versuchen, das solare Kochen in armen Ländern zu verbreiten, wird immer wieder die Frage gestellt: „Und Ihr in den reichen Ländern, warum nutzt Ihr den Solarkocher nicht?“ Die Akzeptanz und die Verbreitungsmöglichkeiten wären weit besser, wenn auch in unseren Ländern die Nutzung des Solarkochers zur Selbstverständlichkeit würde.


Aber hier werden die Vorteile des solaren Kochens noch kaum erkannt.

DS: Das hat wohl mehrere Gründe. Die Wenigsten wissen Bescheid über die hohe Leistungsfähigkeit und die unglaubliche Vielfalt der Anwendungen eines Parabol-Solarkochers, es besteht also ein Informationsdefizit. Aber das verbessert sich immer mehr durch die wachsende Beteiligung. Auch praktische Gründe könnten eine Rolle spielen: Man braucht einen sonnigen Aufstellplatz: eine Terrasse, einen Garten oder einen großen Balkon.

Frühere Kocherbauweisen waren weniger leicht zu transportieren und zu bedienen wie der alSol 1.4. Dieser hat durch sein Aluminiumgestell den Vorteil, dass er leicht ist und wieder zerlegt und in die Schachtel zurückgelegt werden kann, z.B. um ihn beim Verreisen mitnehmen zu können. Wohl erst durch den Gebrauch wird man sehen, wie praktisch es ist, immer wenn die Sonne scheint eine große Menge an kochendem Wasser bereit zu haben. Der Solarkocher macht uns unabhängiger von Versorgungen und stärkt unsere Naturverbundenheit.

Man kann auch leicht abschätzen, wie sich der Solarkocher amortisiert, indem man annimmt, dass er einen großen Teil des Brennstoffverbrauchs einspart. Aber das ist alles nur ein Teil der Argumente, die für das solare Kochen sprechen.


Wenn Sie auf die Entwicklungszeit zurückblicken, was hat Sie besonders gefreut?

DS: Rückblickend sehe ich die Spur einer sehr glücklichen Entwicklung. Viele Freunde in aller Welt sind an diesem Erfolg beteiligt.

Besonders freue ich mich über die Zusammenarbeit mit spanischen Freunden von alSol, der Fundacion Terra und des Parque de las Ciencias in Granada, die meine Frau und mich seit 12 Jahren zu den Encuentros Solares eingeladen haben und die Ideen mit dem Parabol-Solarkocher so engagiert verwirklichen. Es wurde eine Fertigung erstellt und es bildet sich ein wachsender Kreis von Begeisterten (www.alsol.es).

Der Solarkocher verbindet die Menschen auf dem Weg zu einer humanen Zukunft, er kann beitragen zu einer Zukunft der weltweiten Zusammenarbeit und der nachhaltigen Entwicklung. Wir hören, dass die Klimaveränderung die größte Herausforderung der Menschheit ist, dass die Existenzgrundlagen unserer Kinder und Enkel auf dem Spiel stehen. Diese Nachrichten können uns aufrütteln und uns den Antrieb geben, den Weg zu einem nachhaltigen Leben einzuschlagen, zu einem Leben, das auch den künftigen Generationen ermöglicht, in Frieden und Wohlstand zu leben. Für viele sind die Bilder der gegenwärtigen und zukünftigen Verwüstung aber so entmutigend, dass sie wegschauen und die Aufgaben verdrängen. Denn sie fragen sich, was sie denn als Einzelne bewirken können. Ob nicht alles vergeblich ist. Aber so werden ihnen die Probleme über den Kopf wachsen.

Für Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben und die Verantwortung nicht an andere delegieren, sind die Voraussagen eine Ermutigung zum Handeln. Jeder von uns hat Wahlmöglichkeiten. Und die Chancen durch gemeinsames, auf eine humane Zukunft gerichtetes Handeln sind unermesslich.

Mit dem Solarkocher können wir ein Zeichen setzen, dass wir an die Zukunft glauben und uns dafür einsetzen, die Lebensgrundlagen auf dieser Erde zu bewahren. Wenn Sie am Abend ein Teelicht statt des Topfes in den Solarkocher stellen, wird dieses Zeichen eindrucksvoll erkennbar.

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